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Antonio Escobar: Antipop Musikproduktion

Von Markus Thiel - 30. Januar 2020

Der von Madrid aus agierende Produzent Antonio Escobar ist vor allem für seine vielseitige und kreative Arbeit auf unterschiedlichsten Spielfeldern bekannt. Bei seiner täglichen Arbeit kümmert er sich sowohl um Musik für Werbetrailer, Filmmusik als auch Produktionen für unterschiedliche Künstler. Sein Portfolio umfasst zum einen brandaktuelle spanische und internationale Künstler wie John Legend, Zara Larsson, David Bisbal und Carlos Rivera als auch Musik für Filme wie der Netflix-Film Klaus, The Secret Life of Pets und Toc-Toc sowie musikalische Werbeaufträge für internationale Marken von Renault über Coca-Cola bis Sony. Wir sprachen mit dem mehrfach international ausgezeichneten musikalischen Multitasker, Produzenten und Toningenieur über sein bisheriges Arbeitsleben und die spanische Musikszene.

Wann und wie hast du deinen Weg in die Audio-Produktion gefunden?

Eine gute Frage! Ich glaube das war so Mitte 20, als ich plötzlich feststellte, dass ich gar nicht so schlecht in diesen Dingen war, daher beschloss ich daraus Kapital zu schlagen. Mein erstes Problem dabei war aber schon mal mein Wohnort in Malaga im Süden Spaniens. Vor 25 Jahren – in den späten Neunzigern – war die Gegend infrastrukturell einfach noch etwas unterentwickelter als andere Regionen. Aus diesem Grund beschloss ich nach Madrid zu gehen und mein Glück dort zu probieren – allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt keinen Schimmer wo und wie. Doch ich war jung, tapfer und hatte zudem nichts zu verlieren! Ich begann schließlich in einem Studio zu jobben, in welchem hauptsächlich Musik für Werbeclips produziert wurden und irgendwie funktionierte das für mich ganz gut.

So wie ich gehört habe, hattest du nach einiger Zeit aber noch weitere Ambitionen...

Weißt du, die Arbeit in der Werbebranche ist an sich wirklich großartig, allerdings können einem die permanenten Deadlines und engen Zeitpläne dann und wann auch schon einmal ordentlich zusetzen, daher hatte ich irgendwann das Gefühl meinen Berufsalltag noch um weitere Komponenten ergänzen zu müssen. So begann ich schließlich Filmmusik zu machen – erst einmal für Kurzfilme – und gleichzeitig Songs und Alben für lokale Künstler zu produzieren. Auch wenn ich die Arbeit in der Werbebranche bis heute nicht eingestellt habe, verlagerte sich mein Fokus doch zunehmend in Richtung Plattenproduktion sowie dem Komponieren von Film Soundtracks.

Hast du ein Hauptinstrument als Musiker?

Oh, Ich fürchte ich bin einer dieser modernen Musiker die kaum ein Instrument richtig spielen können, zumindest spiele ich ein paar Tasteninstrumente – für alles andere gibt es ja den Computer. Ich bin also wirklich kein ausgebildeter Pianist oder so etwas. Allerdings mache ich alles was ich anfasse von ganzem Herzen. Ich begreife jeden Job als eine neue Stufe auf einer nicht enden wollenden Leiter. Vor diesem Hintergrund gibt es für meine Begriffe auch gar nicht erst so etwas wie kleine oder große Jobs. Auf der einen Seite haben Dinge wie die Höhe des zur Verfügung stehenden Budgets natürlich unbestritten einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Skala der in Frage kommenden Möglichkeiten, auf der anderen Seite sorgen Spotify und Co. dafür, dass man sich als Produzent heutzutage immer direkt im globalen Wettbewerb befindet und daher ohnehin angehalten ist sich stetig mit der Spitze der Industrie zu messen. Das kann eine echte Herausforderung sein, besonders wenn du es auf einmal mit Top-Acts wie John Legend zu tun hast, mit welchem ich einen Track für sein, unter der Regie von Kanye West entstandenen Album produzieren durfte. Plötzlich befindet sich dein Name auf einem Level mit all diesen Branchengrößen. Auf der anderen Seite bringt ein solches Projekt aufgrund umfangreicherer Budgets natürlich auch viel mehr produktionstechnische Optionen mit sich.

Wie ist deine übliche Herangehensweise an eine Komposition?

Das kommt ganz darauf an. Wenn es um Werbung geht, schicken mir Kunden – typischerweise Werbeagenturen – einige Referenzen sowie detaillierte Listen mit Gefühlen, die sie gerne abgedeckt haben möchten. Das können Anweisungen sein wie "es soll emotional sein – aber auf keinen Fall zu viel" aber auch andere Wünsche in dieser Art. Mein Job ist es dann, den passenden Stil zu finden indem ich die erhaltenen Beschreibungen zunächst einmal in Musik übersetze. Wenn ich dann mitten im Prozess herausfinde, dass das Ganze in Richtung „Indie“ gehen soll, versuche ich für mich passende Referenzbezüge zu finden wie zum Beispiel „ein wenig Richtung Radiohead aber auch nicht zu viel“. Auf diese Art lege ich den Rahmen fest, in dem ich mit der Komposition starte, was letztlich meist auch weitergehende Probleme im weiteren Prozessverlauf effektiv im Vorfeld vermeidet. Normalerweise finde auf diese Weise ein paar Tracks, die ich den Kunden präsentieren kann und sobald wir auf demselben Nenner sind startet der eigentliche Kompositionsprozess.

Bei Filmen gestaltet sich das Ganze in der Regel deutlich schwieriger, da ich dabei meist ganz ohne Referenzen auskommen muss. Nicht selten wirst du mit Dingen konfrontiert wie: „Hey, hier ist diese Szene mit dieser bestimmten Musik aber eigentlich mag ich den Song nicht wirklich – der Rhythmus ist aber ziemlich cool!“ So ein Prozess erfordert ein erhöhtes Maß an analytischer Arbeit wenn es um Charakteristiken geht. Eine intensive Instrumental-Auswahl ist ebenfalls unerlässlich sowie ein entsprechend genauer Blick auf Erzeugung der gewünschten Stimmungen.

Die Arbeit mit einem Künstler ist dagegen eine völlig andere Angelegenheit. Abgesehen davon, dass du dich mit seinem individuellen Stil vertraut machen musst, hilft zudem auch ein intensives Studium der bisherigen Karriere sowie eine aktuelle Analyse von Marktsituation und momentaner Trends. Auch wenn das eigentlich selbstverständlich sein sollte, kann man gar nicht genug betonen, wie wichtig und substantiell sich die altbewährte Praxis eines intensiven Gesprächs mit dem Künstler auf das letztliche Produktionsergebnis auswirken kann. Wenn ich mit einem Künstler etwas produziere ist sein Platz idealerweise während einem Großteil der Zeit unmittelbar an meiner Seite.

Ich kann mir vorstellen, dass das für dich im Alltag eine Menge Übersetzungsarbeit bedeutet, bis die Ideen des Künstlers schließlich in Musik übertragen sind.

Auf jeden Fall! Wenn mir ein Künstler erzählt, dass er beispielsweise Coldplay mag heißt das ja in der Regel nicht, dass er genau so klingen möchte, sondern meistens ist es eher die Attitüde, welche er oder sie mit der eigenen Musik gerne transportieren möchte. In Bezug auf spanische Musik landet man am Ende des Tages nicht selten bei einem eher konservativ ausgerichteten Ergebnis, da Künstler hierzulande einen sehr eigenen Stil pflegen, den man in der Regel auch nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen möchte. Ich musste das für mich auch erst lernen, dass wenn dir jemand sagt, dass er gerne wie Bruno Mars klingen möchte, er eigentlich nur hinter so etwas wie einem cooleren Touch her ist und nicht hinter der exakten Kopie eines Stils. Das hängt erstens damit zusammen, dass sich Spanisch weder so anfühlt noch so klingt wie Englisch. Zweitens: Selbst wenn ein Spanischer Künstler versuchen würde, wie Bruno Mars zu klingen und zu performen, würde dies bei den Hörern nicht auf sonderlich viel Akzeptanz treffen, da Konsumenten nicht daran gewohnt ist. Drittens: Wenn ein spanischer Sänger tatsächlich beschließen würde seinen Song auf Englisch zu singen, liefe er Gefahr gegenüber seinem Publikum an Authentizität zu verlieren.

Das klingt so als würde dein Job eine Menge Feingefühl erfordern...

Alles zusammengenommen, ähnelt bei einer Produktion über die Hälfte meiner Arbeit der eines Psychologen. Du musst wirklich sehr genau zuhören um tatsächlich alles umfassend zu verstehen. Darüber hinaus erfordert meine Arbeit eine konstante Offenheit sowie einen bewussten Blick auf neue Stilistiken und Musikrichtungen. Spanische Trap-Musik ist zum Beispiel eine wirklich interessante Entwicklung, da sie sich von Latin-Trap wie auch von amerikanischem Hip-Hop durch einen persönlicheren und deutlich undergroundigeren Stil eklatant klar abgrenzt. Es kostet mitunter schon einmal etwas Zeit hinter die funktionalen Geheimnisse eines bestimmten Musikstils zu kommen. Manchmal ist es schon ganz schön anstrengend mit allem was musikalisch so passiert Schritt zu halten, aber ich gebe mein Bestes.

Was sind deine Lieblingswerkzeuge während der Produktion?

Ich glaube es ist mehr als gerechtfertigt, mich als echten Cubase-Fighter zu bezeichnen, denn ich unterrichte mindestens zweimal im Jahr Studenten im Umgang mit exakt dieser Software. Das tue ich im Übrigen nicht ausschließlich, um mein Wissen weiterzugeben, sondern auch, um von jüngeren Generationen zu lernen und gegenseitig einen lebendigen Austausch zu kultivieren. Angesichts so vieler verschiedener DAW-Lösungen da draußen, genieße ich es darüber hinaus auch, unterschiedlichen Teilnehmern zu demonstrieren, dass aktuelle Versionen von Cubase im Prinzip schon sämtliche Antworten auf aktuelle Fragen der Audioproduktion bereithalten. Neben Nuendo ist es einfach mein absolutes Lieblingswerkzeug im Studio und daher natürlich auch zentrales Element meiner Masterclasses.

Nutzt du Nuendo und Cubase im Studio für komplett unterschiedliche Aufgaben?

In der Regel nutze ich Cubase wegen seiner ausgezeichneten Latenz primär für Aufnahmezwecke und portiere das Projekt schließlich für den Mix nach Nuendo. Also ja, bei meiner Arbeitsweise erfüllen beide Lösungen im Endeffekt getrennte Aufgabenbereiche. Darüber hinaus arbeiten beide aber auch perfekt mit meinem Steinberg UR824-Interface zusammen.

Was für Hardware nutzt du darüber hinaus?

Abgesehen von meinen Amphion Monitoren neige ich tatsächlich dazu, mich mit einer großen Menge an Synthesizern zu umgeben, ehrlich gesagt können es mir gar nicht genug davon sein. Zudem besitze ich noch zwei Racks mit Outboard, aber ehrlich gesagt nutze ich kaum noch etwas davon, da die in Cubase integrierten Tools einfach mindestens genauso gut sind und dabei noch um Längen komfortabler zu bedienen.

www.antonioescobar.es